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Filmkritiken und Essays

Carlos – Der Schakal

Montag, 8. November 2010

Carlos - Plakat

Faszination des Bösen

Ilich Ramírez Sánchez alias Carlos war einst der meistgesuchteste Mann der Welt. Édgar Ramírez brilliert in der Darstellung dieses Terroristen und Verführers, Egomanen und kaltblütigen Killers in einer spannenden Tour de Force durch die politischen und terroristischen Wirren der 70er und 80er Jahre.

Anfang der 70er schließt sich der aus Venezuela stammende Ilich Ramírez Sánchez (Édgar Ramírez) der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) an und wird 1973 Chef der Pariser Vertretung der Organisation. Noch im gleichen Jahr verübt er in London zwei Anschläge. Zwei Jahre später tötet er bei einer Razzia in einer Pariser Wohnung zwei Agenten des französischen Geheimdienstes und den Mann, der ihn verraten hatte.

Ebenfalls 1975 leitet er den – unter anderem von Saddam Hussein unterstützten – Überfall auf das OPEC-Hauptquartier in Wien und nimmt einige Ölminister der Konferenz als Geiseln. Doch die Flucht mit dem Flugzeug nach Bagdad scheitert. Als die Terroristen auf dem Flughafen von Algier festsitzen, akzeptiert Carlos als Gegenleistung für die Freilassung der beiden letzten Geiseln – dem saudi-arabischen und dem iranischen Ölminister – ein Lösegeld. Da diese beiden jedoch die eigentlichen Ziele der Operation waren, wird Carlos wegen Ungehorsams aus der PFLP ausgeschlossen.

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Carlos 1

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Daraufhin gründet Carlos seine eigene Organisation. Mit seiner späteren Frau Magdalena Kopp (Nora von Waldstätten) und seinem engsten Mitarbeiter Johannes Weinrich (Alexander Scheer) lässt er sich 1979 in Ostberlin nieder und unterhält Verbindungen zur Stasi. Von weiteren Basen in Osteuropa aus, wo er von den jeweiligen Regierungen geduldet wird, arbeitet er von nun an für den höchsten Bieter. Der Irak, Syrien und Libyen gehören zu seinen Kunden.

1982 wird Magdalena Kopp und ein weiterer Terrorist kurz vor der Verübung eines Bombenanschlags in Paris verhaftet. Um eine Freilassung der beiden zu erzwingen, verübt Carlos in der Folge fünf weitere Anschläge. Auf Druck des Westens veranlassen 1984 mehrere osteuropäische Staaten Carlos dazu, seine Basen in ihren Ländern zu schließen. Durch den Niedergang des Ostblocks und den sich neu formenden, internationalen Verbindungen verliert Carlos seine Auftraggeber. Selbst in den arabischen Staaten wird nun es immer schwieriger für ihn, Unterschlupf zu finden.

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Carlos 2

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Großes europäisches Kino

Carlos war dieses Jahr eine der großen Entdeckungen in Cannes, auch wenn er nicht im offiziellen Wettbewerb lief und in seiner – eigentlich für eine dreiteilige Fernsehausstrahlung gedachten – fünfeinhalb Stunden Fassung lief. (Für diejenigen, die jetzt zusammenzucken: Im Kino wird der Film in den meisten Fällen in seiner dreistündigen Version zu sehen sein.) So gutes Fernsehen hat es jedenfalls schon lang nicht mehr gegeben. So beeindruckendes europäisches Kino sucht auch nach passenden, aktuellen Vergleichen. Die französisch-deutsche Produktion unter der Regie von Olivier Assayas trumpft mit einer faszinierenden, auf möglichst genauer Faktenlage basierenden Geschichte auf und hat mit seinem Hauptdarsteller Édgar Ramírez einen beeindruckenden, neuen Star an Bord.

Von Beginn der Geschichte an bewegt sich Carlos mit einer unerschütterlichen Zielstrebigkeit durch das hochexplosive politische und terroristische Geschehen seiner Zeit. Für seine Ziele schreckt er vor keinem Mord zurück. Er weiß zu verführen, zu leiten und sich immer neuen Verhältnissen anzupassen. Und doch wird nie recht klar, was diesen Mann im Innersten eigentlich bewegt und antreibt.

Das ist es auch, was man dem Film, trotz seiner vielen Vorzüge, durchaus als Manko anlasten kann. Neben der oft verwirrenden Komplexität der Geschehnisse, der internationalen und der persönlichen Verwicklungen, bleiben die persönlichen Motive von Carlos und seinen Mitstreitern meist nicht greifbar. Warum ein Venezolaner und eine ganze Reihe milchgesichtiger deutscher Revoluzzer sich dem radikalen, pro-palästinensichen Aktivismus anschließen und später Berufssöldner im Dienste des internationalen Terrorismus werden, bleibt weitgehend im Unklaren und hinterlässt eine gewisse Unzufriedenheit beim Zuschauen, vor allem dann, wenn sie sich ab der Hälfte des Films „selbständig“ machen und sowohl ihre Auftraggeber als auch ihre Ziele undurchsichtiger werden.

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Carlos 3

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Vom Diplomat zum Terroristen

Doch davon einmal abgesehen, hat Carlos eine erstaunlich dichtgedrängte Folge von Action und Konflikten zu bieten, die ihre Brisanz auch daraus ziehen, tatsächlich und quasi vor unserer Haustür passiert zu sein. Dass man 190 oder 330 Minuten gespannt zusehen kann, wird erst recht dann erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich der Film einen alles andere als positiven Helden als Hauptfigur leistet.

Dieser, in seine Männlichkeit und Macht verliebte, intelligente und charismatische Manipulator, der sich um jeden Preis Respekt erschießen und erbomben will, wird von Édgar Ramírez auf faszinierendste Weise ausgelotet. Ramírez – der wie Carlos aus Venezuela stammt – hat mit dieser Rolle höchstwahrscheinlich den Grundstein zu einer immensen Karriere gelegt und ist auch abseits des Schauspieler-Daseins eine höchst interessante Persönlichkeit. Der 33-Jährige spricht fünf Sprachen und wollte ursprünglich Diplomat werden. Obwohl er bereits Angebote als Schauspieler hatte, unter anderem in Alejandro González Iñárritus Erstlingshit Amores Perros, leitete er lieber erst einmal eine Organisation, die das Wahlrecht und den freien Zugang zu Kommunikationsmitteln in Lateinamerika forderte. Irgendwann fand er aber doch den Weg ins Filmgeschäft und spielte unter anderem Nebenrollen in „Das Bourne Ultimatum“ und „Che“. Dennoch ist er seiner ursprünglichen Passion treu geblieben und engagiert sich auch weiterhin für Wohltätigkeits- und Menschenrechtsorganisationen in seiner Heimat.

Aber auch Regisseur Olivier Assayas und seine Produzenten dürfen nicht vergessen werden. Wer solch ein logistisches und inszenatorisches Mammut-Projekt (sechs Monate Dreharbeiten, sieben Länder, 120 Schauspieler) in Europa so erfolgreich auf die Beine stellt, von dem will man bald mehr sehen. Seien wir gespannt.

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Kinostart Österreich und Deutschland: 4.11.

Von Carolin Färber

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Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas, Dan Franck

Carlos: Édgar Ramírez

Magdalena Kopp: Nora von Waldstätten

Johannes Weinrich (“Steve”): Alexander Scheer

Hans-Joachim Klein (“Angie”): Christoph Bach

Gabriele Kröcher-Tiedemann (“Nada”): Julia Hummer

Wadi Haddad: Ahmat Kaabour

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