Sonntag, 17. Oktober 2010

Leiden ohne Mitleid
Eine biographische Verfilmung der jungen Jahre des Johann Wolfgang Goethe und die Entstehung seines Bestsellers „Die Leiden des jungen Werther“. Trotz seines dramaturgischen Potenzials gelingt es dem Film nicht, einen Leidensweg zu zeigen, der bewegt.
Der 22-jährige Johann Goethe (Alexander Fehling) studiert nach Wunsch seines Vaters (Henry Hübchen) zwar Jura, ist jedoch viel mehr daran interessiert, sich den Freuden des Lebens und dem Schreiben zu widmen. Der festen Überzeugung mit seinem Drama „Götz von Berlichingen“ endlich Anerkennung für sein Talent zu finden, kümmert es Goethe nur wenig, dass er seine Doktor-Prüfung nicht besteht. Doch der Verlag lehnt sein Werk ab und da sein Vater nicht mehr bereit ist, sein Studium weiterhin zu finanzieren, verschafft er seinem Sohn eine Stellung als Referendar beim Reichskammergericht in Wetzlar.
Dort verliebt sich Johann in Lotte Buff (Miriam Stein). Was er jedoch nicht weiß, ist, dass sein Vorgesetzter, der Gerichtsrat Albert Kestner (Moritz Bleibtreu), ebenfalls um die Gunst der reizenden jungen Dame wirbt. Dessen Chancen stehen gut, denn Lottes Vater (Burghart Klaußner) ist sehr angetan von der Aussicht auf eine ehelichen Verbindung seiner Tochter mit dem gut betuchten Kestner. Als alleinstehender Vater, der bald nicht mehr imstande sein wird, arbeiten zu gehen und somit seine vielen Kinder zu versorgen, kommt er nicht umhin, die finanziellen Vorteile in den Vordergrund zu rücken.
So fügt sich Lotte dem Wunsch des Vaters zum Wohle ihrer Familie. Der am Boden zerstörte Johann sucht Trost im Rausch und bei seinem Freund und Referendarskollegen Wilhelm Jerusalem (Volker Bruch). Auch dieser hat sich unsterblich verliebt, jedoch in eine verheiratete Frau, die ihm gerade das Herz gebrochen hat. Jerusalem sieht nur einen Ausweg aus seinem Leiden: Vor den Augen seines Freundes begeht er Selbstmord. Als Johann dann noch von Kestner ausgetrickst wird und in Haft landet, beginnt er fieberhaft zu schreiben, um seiner Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. So entsteht „Die Leiden des jungen Werther“.
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Distanz statt Identifikation
Zwei Liebende, die aufgrund äußerer Umstände nicht zusammen sein können, ein Freund, der sich das Leben nimmt und eine Dreiecksbeziehung, in der beide Männer nicht wissen, dass sie dieselbe Frau lieben. Der Film zeigt Konflikte auf, die durchaus dramaturgisches Potenzial aufweisen. Trotzdem gehen sie großteils spurlos an einem vorüber, ohne dass eine Art Identifizierung entsteht, die zum Mitleiden auffordern würde.
Eine Geschichte, die im 18. Jahrhundert spielt, hat meist den Nachteil, dass eine gewisse Distanz zur damaligen Lebenssituation der Menschen, verstärkt durch ihr Erscheinungsbild, gegeben ist. Umso mehr muss sie ihren Fokus auf die Vermittlung nachvollziehbarer Konflikte und tiefgehender Emotionen legen. Auch wenn hier starke Gefühle im Spiel sind und die Schauspieler ihr Bestes geben, bleibt es leider nur bei dem Versuch, ihren Leiden Ausdruck zu verleihen. So merkt man Miriam Stein als Lotte Buff zwar an, dass sie mit ihrer Entscheidung zwischen Liebe und Verantwortung gegenüber ihrer Familie hadert. Jedoch scheint sie bald im Reinen mit ihrer Wahl, den Weg der Vernunft zu gehen. Tränen fließen, aber als unglückliche Frau kann sie wohl nicht beschrieben werden.
Auch der Freitod Jerusalems sorgt zwar für einen kurzen Schockmoment, aber die Tatsache, dass er sich auf eine Affäre mit einer verheirateten Frau einlässt und dabei nicht bedenkt, dass es nicht zu seinen Gunsten ausgehen könnte, lassen an der Intelligenz und dem Realitätssinn dieses jungen Mannes zweifeln. So wird er zu einer blauäugigen, übersensiblen Figur, dessen Schmerz zwar bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar ist, aber nicht zur Identifikation einläd.
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Johann Goethe Superstar
Selbst die Hauptfigur Johann Goethe ist nicht immer glaubhaft. Seine Enttäuschung und Verzweiflung sind durchaus präsent, aber dass er ernsthaft dazu imstande wäre, sich das Leben zu nehmen, wird nicht nur durch biographisches Wissen zunichte gemacht. Zu lebensfroh ist diese Figur und zu ängstlich, seinem Dasein ein Ende zu setzen, hat Johann doch auch ein anderes Ventil gefunden, um seinem Kummer Ausdruck zu verleihen. Dabei ist gerade der Aspekt der Erschaffung von Kunst aus erfahrenem Leid – auch wenn dieser als nichts Neues und schon fast als Klischee gelten kann – wohl der interessanteste des Films.
„Die Leiden des jungen Werther“ löste, der Überlieferung zufolge, nicht nur eine Selbstmordwelle unter jungen Männern aus, sondern auch einen wahren „Hype“ um den jungen Autor. Johann Goethe wurde mit seinem Werk praktisch über Nacht zum Superstar, zum Medienphänomen, bekannt, beliebt und umringt von zahlreichen Fans, die ein Autogramm ihres Idols ergattern wollten. Zumindest ist es das, was die Abschlussszene des Films vermittelt. Was filmische Überzeichnung oder wahre Begebenheit ist, sei dahingestellt, denn auch Regisseur und Drehbuchautoren geben zu, dass Vieles in ihrer Geschichte nicht den Tatsachen entspricht. Aber wie schon Lotte Buff antwortet, als ihr die Frage nach der Wahrheit hinter den „Leiden des jungen Werther“ gestellt wird: „Es ist mehr als die Wahrheit. Es ist Dichtung“.
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Kinostart Deutschland: 14. Oktober 2010
Kinostart Österreich: 15. Oktober 2010
Von Alexandra Cech
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Regie: Philipp Stölzl
Drehbuch: Philipp Stölzl, Christoph Müller und Alexander Dydyna
Johann Goethe: Alexander Fehling
Lotte Buff: Miriam Stein
Albert Kestner: Moritz Bleibtreu
Wilhelm Jerusalem: Volker Bruch
Lottes Vater: Burghart Klaußner
Johanns Vater: Henry Hübchen